Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist seit Jahren ein viel diskutiertes Thema, gerade wenn es um Frauen in Führungspositionen geht. Politik und Wirtschaft suchen nach funktionierenden Modellen. Doch scheinen die grundlegenden Probleme immer noch nicht gelöst zu sein. Wir haben drei weibliche Führungskräfte in der TOMORROW FOCUS-Gruppe gefragt, welche Erfahrungen Sie mit dem Thema gemacht haben und wo die größten Herausforderungen liegen.
Zunächst einmal, was ist Euch wichtig im Berufsleben? Und wie muss Eure Arbeitsumgebung aussehen, damit Ihr Euch wohl fühlt?
ANJA: Für mich ist Flexibilität am Wichtigsten, sowohl zeitlich wie auch örtlich. Ich pendele viel zwischen Familie in Frankreich und meinem Arbeitsplatz bei HolidayCheck in Bottighofen. Das geht nur, wenn der Fokus auf den Ergebnissen meiner Arbeit liegt und nicht darauf, wo und wann ich arbeite. Das möchte ich selbst entscheiden können.
RAMONA: Da stimme ich zu. Wichtig vor diesem Hintergrund ist auch eine motivierende Arbeitsatmosphäre die selbstständiges Arbeiten ermöglicht und fördert sowie ein gutes Team, mit dem man vertrauensvoll zusammenarbeitet.
KERSTIN: Bei mir ist es ähnlich. Unabhängigkeit ist für mich wichtig. Das ist ein großer Treiber in der täglichen Arbeit und natürlich auch für das berufliche Vorankommen. Ich würde sogar sagen, dass man eine gewisse Unabhängigkeit nur in einer Führungsposition wiederfindet, daher war das für mich auch die richtige Wahl.
Habt Ihr Eure Karriere bewusst geplant? Warum ja, warum nein?
RAMONA: Ja und nein. Ja, weil ich mich schon immer beruflich weiterentwickeln wollte. Nein, weil ich das nicht bewusst in Bezug auf Karriere getan habe, sondern vor allem fachlich. Aber wahrscheinlich bedingt das eine das andere.
KERSTIN: Ich kann ehrlich gesagt nicht beantworten, ob ich meine Karriere bewusst geplant habe. Aber eines kann ich sicher sagen, dass mein Bauchgefühl immer der richtige Ratgeber in diesen Fragen war. Wenn man zu sehr auf den Verstand hört, kommen einem vor allem als Frau oft die klassischen Zweifel: ‚Ist das zu viel Verantwortung‘ oder ‚Bin ich schon soweit‘. Mein Bauchgefühl konnte solche Zweifel immer beseitigen.
ANJA: Bei mir war es eine Mischung. Der erste Schritt in die Touristik war eher Zufall, doch dann habe ich Chancen durchaus bewusst genutzt. Ich habe ein Angebot von Microsoft angenommen, weil mich das Unternehmen fasziniert hat. Da hat das Bauchgefühl gestimmt, wie Kerstin gesagt hat. Microsoft wiederum hat mich für die Geschäftsführerrolle bei Expedia prädestiniert und so ging es weiter. Ich habe meine Karriere nicht als Ganzes geplant, aber von Position zu Position schon. Wichtig ist aber, Karriereschritte nicht nur aus beruflicher Sicht zu machen, sondern auch so, dass sie in die private Lebenssituation passen.
Gab es Situationen in Eurem Berufsleben, wo „Frau sein“ explizit ein Vorteil oder ein Nachteil war?
KERSTIN: In meinem Leben hat das gefühlt noch nie eine Rolle gespielt. Ich bin bisher weder aufgrund meines Geschlechtes diskriminiert, noch beruflich übergangen worden. Genauso wenig hatte ich das Gefühl, deswegen bevorteilt worden zu sein.
ANJA: Eine Bevorzugung oder eine Benachteiligung habe ich auch nie erfahren, eventuell eine höhere Bekanntheit. Als ich damals bei Expedia war, gab es so gut wie keine Geschäftsführerinnen in der Branche. Meist saß ich bei Verhandlungen oder bei Verbandsarbeit als einzige Frau am Tisch. Da fiel ich unweigerlich auf.
Gibt es aus Eurer Sicht typisch weibliche oder männliche Verhaltensweisen im Beruf bzw. auch in der Mitarbeiterführung?
RAMONA: Man sagt typisch weiblich wäre höhere Empathie und Verbundenheit, typisch männlich, eine größere Sachlichkeit und Distanz. Die Realität ist aber um einiges vielschichtiger. So trifft man genauso oft auf Frauen, die wenig Emotion zeigen, wie auf Männer, die sehr emotional agieren. Ich würde daher eher sagen, dass es keine oder kaum typisch weibliche und typisch männliche Verhaltensweisen gibt.
KERSTIN: Das sehe ich wie Ramona. Männer sind eventuell etwas risikofreudiger, was kein Nachteil sein muss, aber in manchen Situationen eben auch kein Vorteil ist. Hier ergänzen sich Frauen und Männer übrigens sehr gut.
ANJA: Ich glaube auch nicht an typisch männliche oder weibliche Verhaltensweisen. Ich denke, das Verhalten und der Managementstil werden von der jeweiligen Lebenssituation geprägt. Beispielsweise jemand, der Kinder zuhause hat, sieht bei seinen Mitarbeitern und Kollegen andere Bedürfnisse und wird sensibler beim Thema Beruf und Familie sein, als jemand, der ausschließlich beruflich engagiert ist.
Beschäftigt Euch denn das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wo seht ihr die größten Herausforderungen?
RAMONA: Als Mutter von zwei Kindern beschäftigt mich das täglich. Das größte Problem sind zeitliche Konflikte z.B. wenn die Kinder rechtzeitig aus dem Kindergarten oder Hort abgeholt werden müssen, gleichzeitig jedoch ein Meeting ansteht oder ein Projekt beendet werden muss. Hier sind flexible Arbeitszeiten und Home-Office-Möglichkeiten eine große Unterstützung. Grundsätzlich gibt es immer noch ein unzureichendes Angebot an Krippen-, Kindergarten- und Hortplätzen sowie Betreuungsmöglichkeiten in den Ferienzeiten oder im Krankheitsfall.
KERSTIN: Da stimme ich Ramona zu. Die größte Herausforderung sind die mangelnden Betreuungsmöglichkeiten, nicht nur in Bezug auf Krippenplätze, sondern auch was die eingeschränkten Öffnungszeiten der Krippen betrifft. Viele Frauen haben dadurch einfach nicht die Möglichkeit, auch nur annähernd Vollzeit zu arbeiten. Ich habe das große Glück, einen Krippenplatz direkt in unserem Arbeitsgebäude zu haben mit Öffnungszeiten von 8-18 Uhr. Mir ist aber bewusst, dass das nicht die Regel ist.
ANJA: Als ich meinen Sohn bekommen habe, habe ich mich als Beraterin und Interimsmanagerin selbstständig gemacht, denn mir war klar, dass ein Geschäftsführerposten, vor allem im Start-up-Bereich, nicht die nötige Flexibilität bietet, die man braucht. Mein jetziger Geschäftsführerposten bei HolidayCheck bietet mir große Flexibilität. Mein Sohn ist größer und mein Mann muss nicht mehr so viel Reisen. Dennoch ist und bleibt es eine ständige Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen, vor allem wie Ramona sagt, wenn mal etwas nicht nach Plan läuft. Viele Frauen haben extrem hohe Ansprüche an sich und neigen dazu, eher ein schlechtes Gewissen gegenüber der Familie und auch den Mitarbeitern zu haben, als Männer. Die Kunst besteht oft darin, entspannt zu bleiben und sich nicht innerlich zu zerfleischen.
Wie schafft Ihr die Vereinbarkeit derzeit? Habt ihr Tipps für andere, wie das gut funktionieren kann?
KERSTIN: Wichtig ist es, einen Partner zu haben, der am selben Strang zieht. Mein Mann hat ab dem fünften Monat Elternzeit genommen, so dass ich schnell wieder einsteigen konnte. Er ist selbstständig und kann von zuhause aus arbeiten. So teilen wir uns die Verantwortung auf.
RAMONA: Das ist bei uns auch so. Mein Mann und ich teilen uns die familiären Verpflichtungen. Er arbeitet des Öfteren im Home Office.
ANJA: Ich würde dazu raten, immer alles so einfach wie möglich zu gestalten und nicht davor zurückzuscheuen, sich Unterstützung zu holen, wo es möglich ist, z.B. im Haushalt. Umso mehr qualitative Zeit hat man mit der Familie.
Wie kann aus Eurer Sicht der Arbeitgeber am besten unterstützen?
KERSTIN: Mir hat die Kooperation meines Arbeitgebers mit einer privaten Krippe sehr geholfen. Wichtig ist auch, die Akzeptanz für das Thema im ganzen Unternehmen herzustellen, auch bei kleinen Dingen. Beispielsweise, dass man beim Ansetzen von Meetings auch an die Mitarbeiter mit anderen Arbeitszeiten oder -modellen denkt. Das signalisiert Wertschätzung.
RAMONA: Ja, da stimme ich Kerstin zu. Ich finde gerade Arbeitnehmer, die sich der Herausforderung und Doppelbelastung von Familie und Beruf stellen, zeichnen sich meist durch flexibles Denken und eine besonders strukturierte und effiziente Arbeitsweise aus.
ANJA: Es ist grundsätzlich ein Geben und Nehmen. Der Arbeitgeber muss die nötige Flexibilität sicherstellen, die ein Mitarbeiter mit familiären Pflichten braucht und der Mitarbeiter muss das nötige Engagement für die Firma zeigen. Man muss sich gegenseitig vertrauen.
Woran liegt es Eurer Meinung nach, dass Frauen in Führungspositionen noch nicht die Regel sind?
ANJA: Ich denke, es gibt viele Gründe. Manche Branchen sind historisch noch so geprägt, dass Führungskräfte männlich sind. Es müssen sicher hier und da noch Strukturen aufgebrochen werden. Eventuell hilft hier die Frauenquote. Weiterhin passiert viel in Bezug auf Karriere über Netzwerke. Netzwerken ist zeitaufwendig und man muss es regelmäßig machen. Das bleibt bei Frauen mit Doppelbelastung meist auf der Strecke. Oft sind Frauen auch die fleißigen Bienchen, die davon ausgehen, dass ihre gute Arbeit von selbst bemerkt wird. Sie lassen Möglichkeiten aus, sich zu präsentieren und zu positionieren. Hier können sich Frauen etwas von Männern abschauen.
KERSTIN: Das stimmt. Fakt ist auch, dass sich doch meist immer noch die Frauen für die Familie verantwortlich fühlen und daher eher beruflich zurücktreten. Ich glaube, es ist fast unmöglich, dass beide Partner Vollzeit arbeiten, wenn man nicht entweder eine Oma im selben Ort hat oder sich externe Unterstützung leisten kann. Und sind wir ehrlich eine Führungsposition verlangt eine gewisse Anzahl an Arbeitsstunden in der Woche. Teilzeit und Führung funktioniert nur bedingt.
Bietet die Internetbranche aus Eurer Sicht Frauen mehr oder weniger Chancen als andere Branchen?
ANJA: Ich glaube, dass Frauen in der Internetbranche deutlich mehr Chancen haben, weil es eine junge Branche ist. Bei der jüngeren Generation ist es schon sehr viel selbstverständlicher geworden, dass Frauen Führungspositionen innehaben. Ich denke z.B. an meine Söhne, für Sie ist es normal, dass Frauen arbeiten und auch dass Männer zuhause mithelfen. Ich glaube schon, dass es bei dem Thema eine Generationenprägung gibt.
Die öffentliche Debatte über das Thema Frauen in Führungspositionen hat sich in den letzten Jahren maßgeblich verstärkt. Hatte das aus Eurer Sicht Auswirkungen auf die Arbeitsrealität?
RAMONA: Ja, ich glaube, dass sich auf dem Gebiet in den letzten Jahren sehr viel getan hat. Bei jameda sind 3 der 6 Führungskräfte Frauen.
ANJA: Ich glaube, die permanente Diskussion beschleunigt die Veränderung in diesem Bereich. Darum sollten wir Frauen das Thema auch weiter vorantreiben.

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